Zehn Jahre lang war der dänische Bestsellerautor Peter Høeg verschollen. Zehn Jahre lang hat er an einem großen Buch geschrieben. Sein neuer Roman »Das stille Mädchen« vereint die Gegensätze: Spannung und Spiritualität. Sein neuer Held Kasper Krone lebt die Gegensätze: Er ist Clown und Christusfigur zugleich.
Einen wie Kasper Krone muss man in der Literatur lange suchen. Denn Kasper Krone ist ein mythischer Held – in ganz und gar unmythischen Zeiten. Er hört Bach wie andere beten; er betet wie andere musizieren.
Kasper Krone ist ein Zirkuskind, der Sohn einer Seiltänzerin – die Freiheit hat er im Blut. Noch als Weltstar wohnt er in einem Wohnwagen – draußen wartet derweil der brüllende Sportwagen. Kasper ist der geborene Clown. Seine Leidenschaft, seine Ehrlichkeit, sein Talent, seine Weisheit, seine Dummheit, seine Lebenslust, seine Traurigkeit machen ihn dazu. Kasper ist widersprüchlich wie wir alle, doch anders als wir alle, steht er dazu.
Als Kind ist Kasper bei einer spektakulären Zirkusnummer verunglückt, geblieben davon ist ihm ein spektakuläres Gehör. Aus einem Telefonat kann er schließen, wo sich sein Gesprächspartner aufhält – er kennt den Klang aller Glocken im Hintergrund. Mehr noch. Kasper kann, im Gespräch, dem Wesen eines Menschen lauschen. Das Gehör ist der erste und letzte Sinn des Menschen, nichts wirkt tiefer in ihn hinein als das Geräusch. Auch deshalb ist Kaspers spirituelle Begabung überragend.
Kurzum: Kasper Krone, der Clown, hat das Zeug zum Paulus. Wie Paulus jedoch lebt er zunächst den Saulus: Kasper Krone ist millionenschwer, ein Mann mit internationalen Steuerschulden und einem zweifelhaften Hang zum Luxus.
Dann jedoch begegnet er KlaraMaria, dem Mädchen, das ihn erweckt. Sie ist von vollkommener Stille umgeben, sie verheißt, was Kasper will: Transzendenz. Und die weise Zehnjährige führt Kasper auf Umwegen in ein Kopenhagener Kloster, zu einer geheimnisvollen »Blauen Dame«, die ihm Erlösung verspricht. Der Preis: Kasper muss wie Hiob leiden – er muss seine Karriere aufgeben, er muss ihm Staub kriechen, er muss bluten. Kaspers Lohn: Sinn – noch in dieser Welt. »Dein Talent, im normalen Leben Zufriedenheit zu finden,« sagt Stine, die Frau, die Kasper wie keine andere liebt, »ist nicht immens. Aber deine Sehnsucht.« Es ist diese Sehnsucht, die Kasper Krone treibt. Seine Passion beginnt. Ein Jahr später wird KlaraMaria entführt.
Schnitt: Kopenhagen. Die schillernde Metropole im Norden Europas ist erschüttert. Ein mysteriöses Erdbeben hat weite Teile der Innenstadt unter Wasser gesetzt. Man hat ein Sperrgebiet eingerichtet. Nachts dröhnen die Pumpen. Keiner weiß was. Keiner spricht. Sonderkommissionen ermitteln – beteiligt ist auch die Geologin Stine, die Frau, die Kasper Krone liebt. Und Kasper selbst? Er ist soweit. Der vormals berühmteste Clown Europas, der Ex-Millionär, ist zum Wrack geworden. Noch die kleinsten Beträge muss er sich borgen, zugleich verfolgen ihn die Steuerbehörden. Doch er weiß: seine Passion ist Mission. Kasper zieht aus, um KlaraMaria zu befreien.
Die Spur, die er aufnimmt, führt zu einem mysteriösen postmafiösen Unternehmen, das über Immobiliengeschäfte von der Naturkatastrophe profitiert. Doch schon der Name des kriminellen Masterminds deutet auf ein Reich, das nicht nur von dieser Welt ist: Wie der wackere Mann der Gottesmutter Maria heißt er mit Vornamen Josef, wie der biblische Brudermörder heißt er mit Nachnamen Kain.
Denken wir für einen Augenblick an die Welt vor 15 Jahren, als Peter Høegs Weltbestseller »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« erschien. Damals waren Fräulein Smillas Gegenspieler auf Kryptonit aus, etwas Stoffliches, das die Eiswüsten Grönlands verbargen. »Das stille Mädchen« jedoch spielt bereits in hypermodernen Zeiten, Kasper Krone sieht sich mit einer neuen Entwicklung konfrontiert, der »Wirtschaft des Unsichtbaren«, der Ökonomisierung auch der inneren Wirkmächte. Heute macht man sogar die Intuition zu Geld, und an den Aktienmärkten zahlt man für Prophezeiungen. Könnte es also sein, dass KlaraMaria entführt wurde, weil ihre Gabe, die »Stille«, Geld wert ist?
Im Vergleich der beiden großen Romane Peter Høegs – »Fräulein Smilla« und »Das stille Mädchen« – wird das Urmuster seines Erzählens sichtbar: In beiden Romanen forscht ein hochbegabter Gerechtigkeitsfanatiker dem Schicksal eines Kindes nach. Kasper Krone ist eine Smilla für schwere Zeiten. Jedoch: Kasper ist auch die lichtere Figur. Das Kind, dessen Schicksal er ergründen will, ist, anders als der junge Jesaja im »Fräulein Smilla«, am Leben. Und Kasper selbst ist nicht weniger als der Jesus Christus im Universum des Peter Høeg. Kasper wird, auf dem Kreuzweg seiner Suche nach dem Kind, buchstäblich stigmatisiert. Seine wilde Jagd durch dunkle Straßen und die Glaspaläste der New Economy wird mit Verletzungen an Hand, Fuß, Leib und Kopf enden. Und nicht umsonst beginnt sie an einem Karfreitag.
Das Faszinierende, das schier Unglaubliche daran: »Das stille Mädchen« ist, obwohl ein unergründlich tiefer Roman, sagenhaft spannend und herzerwärmend komisch. Mit der Tiefe nämlich geht eine tiefe Leichtigkeit einher – fast möchte man von Schwerelosigkeit sprechen. Denn Kasper Krone ist und bleibt ein Mann. Seine große Herausforderung bleibt: das ewig Weibliche. Kasper ist ein Verführer, aber die Frauen versteht er dennoch nicht. Mag sein, er hat den Verlust seiner Mutter, der Seiltänzerin, nie überwunden, mag sein, die Frauen sind ihm am Ende einfach rettungslos über – an und für sich, weil sie sind, wie sie sind. Heißen sie im Roman nicht umsonst alle Maria?
Das furiose Finale des Romans jedenfalls enthält eine interessante Figurenkonstellation bereit: Fünf Menschen wagen sich in die Unterwelt, die Kanalisation Kopenhagens: drei Männer und zwei Frauen. Keiner der Männer geht noch aufrecht: Kasper, die Nummer 1, ist verwundet, sein Vater, die Nummer 2, ist sterbenskrank, und Franz Fieber, die Nummer 3 und Kaspers unermüdlicher Helfer, geht an Krücken. Die Frauen hingegen strahlen. Stine, die eine, die Wissenschaftlerin, weist den Weg, während die andere, eine stolze Afrikanerin, die »martial arts«, die hohe Kunst des Kampfes, zur Vollendung bringt. Auch ihr Name ist kein Zufall: Gloria. Wenn Peter Høeg vom Höchsten spricht, dann schreibt er »Gott die Herrin«.